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LEUCHTTURM SEIN

7. Okt.
2 Min. Lesezeit

Hochstrittige

Trennungen versetzen das familiäre System in einen Zustand permanenter, existenzieller Turbulenz. Wenn einfache Alltagsmomente – wie ein pubertierender Teenager, der morgens verschläft – in lautstarke Beschimpfungen, maßlosen Kontrollverlust und schließlich in die schleichende Entfremdung zwischen Eltern und Kind münden, wird der familiäre Alltag zu einem unkontrollierbaren Überlebenskampf. Eltern erleben diesen Zustand wie die Fahrt auf einem führungslosen Schiff, das ohne Kompass mitten in einem extremen Orkan treibt. In diesen hochbrisanten Krisenmomenten entsteht eine strategische Dringlichkeit: Um schwerste seelische Schäden von den Kindern abzuwenden, müssen Mütter und Väter aus der Unmündigkeit impulsiver Affekthandlungen ausbrechen. Anstatt als ohnmächtig Getriebene auf jede gegnerische Welle zu reagieren und das Ausmaß der Verbitterung weiter zu verstärken, gilt es, die Rolle eines emotional regulierten, unerschütterlichen Leuchtturms zu übernehmen.


Die ultimative Meisterprüfung der Erziehungsarbeit besteht darin, unter maximaler emotionaler Belastung unter Beweis zu stellen, dass man seinen Kindern und Jugendlichen ein wahrer Leuchtturm sein kann. Wer inmitten von Trennungschaos und emotionalem Aufruhr die eigene Selbstregulation wahrt, gibt seinem Kind die essenzielle Orientierung zurück, die es für eine gesunde Entwicklung benötigt. Um diesen Wandel von der bloßen, reaktiven Überlebensstrategie zur bewussten, aktiven Beziehungsgestaltung zu vollziehen, bedarf es einer klaren, praxiserprobten Methodik.


Loyalitätskonflikte sind die Ursache, dass 60% der Kinder und Jugendlichen von hochstrittigen Eltern psychische Probleme haben. Das würde sich verbessern, wenn deren Bindungsbedürfnisse nicht nur durch einen Elternteil, sondern durch mehrere wichtigen, persönlichen Bezugspersonen erfüllt werden.  Netzwerktreffen schaffen Kontexte, in denen alle in Bewegung kommen, um gemeinsam Entwicklung zu ermöglichen. Hier erleben alle, dass sie wichtig sind, und nicht selten gilt: "Ohne euch geht es nicht!" Auch weisen 92 Studien mit Kindern und Jugendlichen, die über einen langen Zeitraum Konflikten im Familiensystem ausgesetzt waren (egal ob in einer aufrechten Beziehung oder nach einer Trennung der Eltern), darauf hin, dass "Systeme von zuverlässigen Beziehungen", die einem Säugling, Kind oder Jugendlichen zur Verfügung stehen, erweitert werden müssten, um den Schaden für die normale Entwicklung - wenn diese Beziehungen zusammenbrechen - zu begrenzen.

[1] 

Wenn zwei Menschen heiraten oder zusammenziehen,  werden durch ihre Verbindung zueinander auch ihre Netzwerke miteinander verknüpft und ein neues Beziehungsgeflecht entsteht. Alle sind sich dessen bewusst, dass durch den Bruch in der zentralen Beziehung zwischen zwei Menschen auch alle anderen damit verbundenen Systeme betroffen sind. So wie die beiden Ex-Partner miteinander umgehen (z. B. respektvoll, neutral, feindlich), werden auch die anderen Systeme beeinflusst. Umgekehrt können aber auch heftige Reaktionen vonseiten der Verwandtschaft eine Trennung in eine Familienfehde verwandeln (Migerode 2014). Egal wie ein Trennungsprozess verläuft, er wirkt sich immer auch auf andere aus: auf Kinder und Großeltern, Geschwister, die Familie des Ex-Partners, Tanten und Onkel, Freunde und auch auf Personen aus weiteren Kontexten wie Schule, Gesundheitswesen, Sportvereine, Jugendamt, Justiz und sonstigen Institutionen.[2]


Ein afrikanisches Sprichwort besagt, dass man ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Wer bei der Erziehung auf Unterstützung zählen kann, tut sich leichter. Wir bekommen mehr Halt und Sicherheit. Wenn wir etwas sagen, hört es sich nicht mehr an wie eine einzige Stimme, sondern wie ein ganzer Chor. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen mehr als deutlich, dass diejenigen, die in der Erziehung nicht auf sich gestellt sind, lockerer, souveräner und ruhiger agieren. Wenn Kinder wissen, dass ihre Eltern Unterstützung haben, sinkt die Häufigkeit schwierigen und auffälligen Verhaltens. Sicher solche Unterstützung zu organisieren, ist heute leichter gesagt als getan.



 
 
 

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